06.07.2026

100 Jahre Lippeverband: Blaugrünes Leben am längsten Fluss des Landes

Quelle: Emschergenossenschaft Lippeverband

Vom einst industriell geprägten und mit Steinufern gefesselten Wasserlauf zu einer natürlich fließenden Gewässeridylle, die Hochwasserschutz, Artenvielfalt sowie Erleb- und Erfahrbarkeit miteinander in Einklang bringt: Die Lippe, einst technisch überformt, entwickelt sich aktuell zu einem der schönsten Flüsse Nordrhein-Westfalens. Entfesselt und renaturiert wird sie vom Lippeverband. Gegründet wurde das öffentlich-rechtliche Wasserwirtschaftsunternehmen vor 100 Jahren – gefeiert wurde das besondere Jubiläum am Dienstag (30.6.) in der Kokerei Hansa in Dortmund. Zu den Gratulanten gehörten unter anderem Bundesumweltminister Carsten Schneider und Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit den Gästen blickte der Lippeverband auf die Vergangenheit und noch viel mehr auf die Zukunft, in der die Wasserwirtschaft als Träger und Treiber von Ideen einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung von Herausforderungen wie dem Klimawandel und der Wärmegewinnung leisten kann. Diesen Aufgaben will sich der Lippeverband als Infrastruktur-Dienstleister gemeinsam mit seinen Mitgliedern und Partnern stellen.

„Wasser ist für uns lebenswichtig, aber auch unverzichtbar für erfolgreiches Wirtschaften. Das hat der Lippeverband schon früh erkannt und in 100 Jahren beispielhafter Arbeit für Wirtschaft und Umwelt als gemeinwohlorientierte Selbstverwaltung konsequent umgesetzt. Die Lippe, die lange von Bergbau und Industrie gekennzeichnet war, ist nicht nur sauberer, sondern auch einfach schöner geworden. Der Fluss ist vom Abwasserkanal zum Erholungsgebiet geworden, das merken die Menschen vor Ort und genießen ihre lebenswerte Umgebung. Erfolgsgeschichte wie diese machen Mut und regen zum Nachahmen an“, sagt Bundesumweltminister Carsten Schneider zum besonderen Jubiläum.

Als Fließgewässer erster Ordnung befindet sich die Lippe im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen, das die Aufgabe der Gewässerunterhaltung an den Lippeverband übertragen hat. Als für die Abwasserentsorgung und den Hochwasserschutz zuständige Institution hat der Lippeverband im 20. Jahrhundert maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg im nördlichen Ruhrgebiet beigetragen. Ohne Pumpwerke hätten weite Teile dieser Region infolge der bergbaubedingten Beeinträchtigungen unter Wasser gestanden, ohne Kläranlagen hätten hygienische Missstände geherrscht. Im Rahmen des Strukturwandels im Ruhrgebiet hat der Lippeverband in der jüngeren Vergangenheit einmal mehr einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der Transformation geleistet, indem er eine moderne abwassertechnische Infrastruktur errichtet und ehemals offene Schmutzwasserläufe renaturiert hat.

Den Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Lippeverbandes beging der Wasserwirtschaftsverband mit zahlreichen Gästen, darunter Vertreter der Kommunen und Kreise sowie Bundesumweltminister Carsten Schneider und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst.

Demokratisch geprägt und genossenschaftlich organisiert
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Dem vorausgegangen war das Wirken der bereits 1913 gegründeten Sesekegenossenschaft im Einzugsbereich der Seseke, dem größten Zulauf der Lippe auf den Stadtgebieten von Kamen, Bergkamen, Bönen, Unna und Lünen. „Dort erkannte man etwas mehr als ein Jahrzehnt nach der Gründung der Sesekegenossenschaft, dass eine Bewirtschaftung dieses Nebenlaufes allein nicht ausreicht, sondern auch die Lippe als der Hauptfluss mitbetrachtet werden muss. Das Seseke-Wasser macht schließlich an der Mündung in die Lippe bei Lünen nicht Halt, erst recht nicht bei Hochwasser. Dieses interkommunale Denken und Handeln über Stadt- und Kreisgrenzen hinaus prägt die erfolgreiche Arbeit des Lippeverbandes bis in die Gegenwart, insbesondere bei der Gewährleistung des Hochwasserschutzes und der Anpassung der Region an die Folgen des Klimawandels“, sagt Bodo Klimpel, Vorsitzender des Verbandsrates des Lippeverbandes und Landrat des Kreises Recklinghausen.

Der neugegründete Lippeverband konnte seine Aufgaben ohne größere Zeitverluste angehen, da keine eigenen Verwaltungsstrukturen aufgebaut werden mussten: Die Verbandsorgane hatten sich seinerzeit entschlossen, die Geschäftsführung mit der Emschergenossenschaft zu vereinigen. Die Emschergenossenschaft – im Herzen des Ruhrgebietes zuständig für das Einzugsgebiet der Emscher und ihrer Nebenläufe – war 1899 als Deutschlands erster Wasserwirtschaftsverband gegründet worden. Nach dessen Vorbild war 1913 bereits die Sesekegenossenschaft gebildet worden, aus der schließlich der Lippeverband hervorging. „Auch heute noch leben wir als öffentlich-rechtliche Einrichtungen das demokratisch geprägte Genossenschaftsprinzip als Leitidee unseres eigenen Handelns und verstehen uns als Infrastruktur-Dienstleister für unsere Mitglieder und Partner. Gemeinsam gestalten wir nicht nur die blaugrüne Entwicklung, sondern die klimaresiliente Zukunft unserer Region“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender von EGLV. Gemeinsam sind Emschergenossenschaft und Lippeverband heute Deutschlands größter Betreiber von Kläranlagen (rund 60) und Pumpwerken (mehr als 500). Dem Lippeverband wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten zudem der hoheitliche Betrieb der städtischen Kanalnetze in Hamm (seit 2007), Nordkirchen (seit 2019) und Reken (seit 2025) übertragen.

Verwaltung des Wasserschatzes
Mit dem Erlass des Lippe-Gesetzes am 19. Januar 1926 wurden die Aufgaben des Lippeverbandes noch wie folgt festgelegt: „Die Verwaltung des Wasserschatzes im Genossenschaftsgebiet sowie die Herstellung, die Unterhaltung und den Betrieb von Anlagen für die Erhaltung und Ausnutzung des Wasserschatzes (ff.)“. Anders als ihre Nebenläufe oder die Emscher erlitt die Lippe nie das Schicksal eines offenen Schmutzwasserlaufes. Kläranlagen an den Einmündungen der Zuflüsse sorgten dafür, dass nur gereinigtes Wasser in die Lippe eingeleitet wurde. Von einem naturnahen Gewässer konnte dennoch keine Rede sein. „Steinschüttungen an den Ufern sowie eine weitestgehend begradigte Trasse legten den Fluss in Fesseln. Zum Nachteil der Biodiversität, denn fehlende Strukturen im Gewässer bieten keinen geeigneten Lebensraum für aquatische Lebenswesen“, sagt Prof. Dr. Frank Obenaus, Vorstand für Wassermanagement und Technik beim Lippeverband.

Die Nordwanderung des Bergbaus ermöglichte Mitte der 1980er-Jahre den Beginn des Seseke-Programms zur Renaturierung des Lippe-Nebenlaufes. Nach dem Abklingen der Bergsenkungen konnten nun unterirdische Abwasserkanäle verlegt werden, durch die die Schmutzfracht fortan zu den Kläranlagen transportiert wurde. Das oberirdische, vom Abwasser befreite Gewässer konnte in der Folge ökologisch umgestaltet und entfesselt werden. Das tristgraue Betonkorsett wich einem naturnahen Bachverlauf, an dem heute nichts mehr an das mehrere Jahrzehnte währende Schicksal des Flusses als „Köttelbecke“ erinnert. Das Seseke-Modell machte Schule: Nicht nur nahm der Schwesterverband Emschergenossenschaft das Projekt als Vorbild für sein Generationenprojekt zur Renaturierung der Emscher, auch im Lippe-Gebiet errichtete der Lippeverband in seiner jüngeren Vergangenheit eine moderne und nachhaltige Abwasser-Infrastruktur. 2023 erreichte der Lippeverband die vollständige Abwasserfreiheit in seinem Einzugsgebiet, das blaugrüne Leben kehrt nun nach und nach an die Ufer der Lippe und ihrer Nebenläufe zurück.

Programm Lebendige Lippe
Die Renaturierung der Lippe plant und setzt der Lippeverband im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen um. Das Programm „Lebendige Lippe“ sieht eine weitestgehende Entfesselung der Lippe-Ufer und naturnahe Umgestaltung des Gewässers zur Steigerung der Artenvielfalt sowie die Schaffung neuer Rückzugsräume für den Fluss vor, um auch den Hochwasserschutz weiter zu verbessern. Zahlreiche vorbildliche Renaturierungsprojekte hat der Lippeverband bereits erfolgreich umgesetzt. Das Projekt „Erlebensraum Lippeaue“ in Hamm demonstrierte eindrucksvoll, dass Wunderbares entstehen kann, wenn Wasserwirtschaft und Städtebau Hand in Hand gehen. Ende 2018 startete der Lippeverband gemeinsam mit der Stadt Hamm die bauliche Umsetzung des größten Umwelt- und Naturschutzprojektes auf dem Stadtgebiet. Das 195 Hektar große Projektareal umfasste einen rund fünf Kilometer langen Abschnitt der Lippe, die infolge einer Deichrückverlegung in Richtung Norden deutlich mehr an Raum zur Entfaltung gewann. Die Renaturierung des Flusses diente damit auch einem verbesserten Hochwasserschutz.

Ein weiteres Meilenstein-Projekt des Lippeverbandes war die Renaturierung der Lippe im Bereich Haus Vogelsang an der Stadtgrenze zwischen Datteln und Olfen. Ende 2015 erfolgte der erste Spatenstich zur naturnahen Umgestaltung des teilweise noch technisch „gefesselten“ Flusses, im Mai 2019 konnte der Abschluss der umfangreichen Fluss-Renaturierung gefeiert werden. Landkarten, die den Bereich Datteln-Ahsen und Olfen abbildeten, waren fortan nicht länger aktuell: Der Flussverlauf der Lippe wurde auf sechs Kilometern Länge naturnah umgestaltet und teilweise in neue Trassen verlegt. Zwischen Haus Rauschenburg und dem so genannten „Hälschen“, wo die Lippe bislang recht gerade verlief, verlängerte das Projektteam den Fluss und gestaltete eine neue Schleife – eine Laufverlängerung um 450 Meter, die es zuvor in diesem Ausmaß noch nicht an der Lippe gegeben hatte. In diesem Bereich wurde die Lippe flacher und breiter gestaltet, die Renaturierung schuf einen wichtigen Lebensraum für Pflanzen und Tiere.

Das größte Hochwasserschutz- und Renaturierungsprojekt des Lippeverband ist ohne Zweifel der aktuell noch laufende Neubau der Lippe-Deiche in Haltern-Lippramsdorf und Marl (HaLiMa). Das 95-Millionen-Euro-Vorhaben ist weit fortgeschritten: Die Deiche auf der Nordseite sind bereits fertiggestellt. Durch die Rückverlegung der Hochwasserschutzanlagen ins Hinterland hat die Lippe bereits deutlich an Raum gewonnen. Seit dem vergangenen Spätsommer erfolgt der Neubau eines 500 Meter langen Deiches auf der Südseite des Flusses. Das Großprojekt soll bis Ende 2027 fertiggestellt werden. „Dann werden moderne Deiche entstanden sein, die auch einem extremen Hochwasser standhalten können, wie es statistisch betrachtet nur alle 250 Jahre auftritt – und darüber hinaus eine rund 60 Hektar große Aue, die ideale Lebensbedingungen für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bieten wird“, sagt Prof. Dr. Frank Obenaus. Liana Weismüller, beim Lippeverband Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit, ergänzt: „Ein Lippe-Balkon mit angebundenem Radweg wird künftig Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit geben, die neugeschaffene Natur zu entdecken und zu genießen.“

Auch an der Lippe-Mündung in den Rhein kehrte das blaugrüne Leben an den Fluss zurück: Zwischen 2009 und 2015 investierte der Lippeverband 18 Millionen Euro in die aufwändige Renaturierung des Lippe-Unterlaufes. Schmal und mit scharfkantigem Ufer wie ein Kanal und auf den letzten Metern schnurgerade floss die Lippe einst gen Rhein. Heute verläuft der Fluss breit und flach durch eine rund 100 Hektar große Aue, die Flora und Fauna einen wichtigen Lebensraum bietet.

Kläranlagen als Qualitätsgarant und Wärmelieferant
Parallel zu den ökologischen Maßnahmen an den Gewässern investiert der Lippeverband kontinuierlich in die Modernisierung seiner Kläranlagentechnik, um dauerhaft eine gute Gewässerqualität in der Lippe zu gewährleisten. Zahlreiche Klärwerke wurden und werden ertüchtigt. Darüber hinaus wird der Lippeverband ab Anfang 2027 seine größte Anlage im Verbandsgebiet, das Klärwerk Hamm-West, um eine vierte Reinigungsstufe zur besseren Bekämpfung auch hartnäckiger Mikroschadstoffe wie etwa Medikamentenreste oder Pflanzenschutzmittel erweitern. Für diese Maßnahme erhält der Lippeverband vom Land Nordrhein-Westfalen Fördermittel in Höhe von 17,8 Millionen Euro.

Die Kläranlage Soest, die 1932 als erste des Lippeverbandes in Betrieb genommen wurde, steht derweil im Mittelpunkt eines zukünftigen Wärmeprojektes: Im Zuge der Sanierung der Anlage soll das Klärwerk zu einem Kraftwerk entwickelt werden, indem künftig das konstant warme Abwasser zur Gewinnung von Wärme für das Quartier „Paradieser Weg“ genutzt wird. Das Aquathermie-Vorhaben, bei dem der Lippeverband eng mit der Stadt Soest, dem Kreis Soest und den Stadtwerken Soest kooperiert, kann als Modellprojekt auch für andere Regionen dienen. „Die Vorteile liegen auf der Hand: Der stetige Strom an Abwasser ist besonders aufgrund seiner konstant hohen Temperatur eine verlässliche Energiequelle. Abwasser wird es immer geben. Es ist eine lokale, sichere, regenerative und langfristig verfügbare Energiequelle und unkompliziert nutzbar“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel.

Wasserwirtschaft als Träger und Treiber von Ideen
Die im Lippe-Gesetz von 1926 erwähnte „Ausnutzung des Wasserschatzes“ hat der nicht-gewinnorientierte Lippeverband in den vergangenen 100 Jahren immer zum Wohle der Natur und der Allgemeinheit ausgelegt: Von der Abwasserentsorgung und Renaturierung von Gewässern über die Wärmegewinnung aus Abwasser bis zum Betrieb von Lippe-Fähren und dem Bau von Blauen Klassenzimmern sowie Radwegen – im Mittelpunkt der Maßnahmen des Lippeverbandes steht, ausgehend von der Wasserwirtschaft, immer die Verbesserung der Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung in der Region. Auch in der Zukunft sieht sich der öffentlich-rechtliche Lippeverband mehr denn je als Infrastruktur-Dienstleister seiner Mitglieder und Partner. Für ein klimaresilientes Lippe-Gebiet, für blaugrünes Leben am längsten und schönsten Fluss Nordrhein-Westfalens.

Weitere Informationen gibt es auf https://jubilaeum.eglv.de.