100 Jahre Lippeverband: Blaugrünes Leben am längsten Fluss des LandesQuelle: Emschergenossenschaft Lippeverband Vom einst industriell geprägten und mit Steinufern gefesselten Wasserlauf zu einer natürlich fließenden Gewässeridylle, die Hochwasserschutz, Artenvielfalt sowie Erleb- und Erfahrbarkeit miteinander in Einklang bringt: Die Lippe, einst technisch überformt, entwickelt sich aktuell zu einem der schönsten Flüsse Nordrhein-Westfalens. Entfesselt und renaturiert wird sie vom Lippeverband. Gegründet wurde das öffentlich-rechtliche Wasserwirtschaftsunternehmen vor 100 Jahren – gefeiert wurde das besondere Jubiläum am Dienstag (30.6.) in der Kokerei Hansa in Dortmund. Zu den Gratulanten gehörten unter anderem Bundesumweltminister Carsten Schneider und Hendrik Wüst, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam mit den Gästen blickte der Lippeverband auf die Vergangenheit und noch viel mehr auf die Zukunft, in der die Wasserwirtschaft als Träger und Treiber von Ideen einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung von Herausforderungen wie dem Klimawandel und der Wärmegewinnung leisten kann. Diesen Aufgaben will sich der Lippeverband als Infrastruktur-Dienstleister gemeinsam mit seinen Mitgliedern und Partnern stellen. „Wasser ist für uns lebenswichtig, aber auch unverzichtbar für erfolgreiches Wirtschaften. Das hat der Lippeverband schon früh erkannt und in 100 Jahren beispielhafter Arbeit für Wirtschaft und Umwelt als gemeinwohlorientierte Selbstverwaltung konsequent umgesetzt. Die Lippe, die lange von Bergbau und Industrie gekennzeichnet war, ist nicht nur sauberer, sondern auch einfach schöner geworden. Der Fluss ist vom Abwasserkanal zum Erholungsgebiet geworden, das merken die Menschen vor Ort und genießen ihre lebenswerte Umgebung. Erfolgsgeschichte wie diese machen Mut und regen zum Nachahmen an“, sagt Bundesumweltminister Carsten Schneider zum besonderen Jubiläum. Als Fließgewässer erster Ordnung befindet sich die Lippe im Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen, das die Aufgabe der Gewässerunterhaltung an den Lippeverband übertragen hat. Als für die Abwasserentsorgung und den Hochwasserschutz zuständige Institution hat der Lippeverband im 20. Jahrhundert maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg im nördlichen Ruhrgebiet beigetragen. Ohne Pumpwerke hätten weite Teile dieser Region infolge der bergbaubedingten Beeinträchtigungen unter Wasser gestanden, ohne Kläranlagen hätten hygienische Missstände geherrscht. Im Rahmen des Strukturwandels im Ruhrgebiet hat der Lippeverband in der jüngeren Vergangenheit einmal mehr einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen der Transformation geleistet, indem er eine moderne abwassertechnische Infrastruktur errichtet und ehemals offene Schmutzwasserläufe renaturiert hat. Den Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Lippeverbandes beging der Wasserwirtschaftsverband mit zahlreichen Gästen, darunter Vertreter der Kommunen und Kreise sowie Bundesumweltminister Carsten Schneider und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst. Demokratisch geprägt und genossenschaftlich organisiert Der neugegründete Lippeverband konnte seine Aufgaben ohne größere Zeitverluste angehen, da keine eigenen Verwaltungsstrukturen aufgebaut werden mussten: Die Verbandsorgane hatten sich seinerzeit entschlossen, die Geschäftsführung mit der Emschergenossenschaft zu vereinigen. Die Emschergenossenschaft – im Herzen des Ruhrgebietes zuständig für das Einzugsgebiet der Emscher und ihrer Nebenläufe – war 1899 als Deutschlands erster Wasserwirtschaftsverband gegründet worden. Nach dessen Vorbild war 1913 bereits die Sesekegenossenschaft gebildet worden, aus der schließlich der Lippeverband hervorging. „Auch heute noch leben wir als öffentlich-rechtliche Einrichtungen das demokratisch geprägte Genossenschaftsprinzip als Leitidee unseres eigenen Handelns und verstehen uns als Infrastruktur-Dienstleister für unsere Mitglieder und Partner. Gemeinsam gestalten wir nicht nur die blaugrüne Entwicklung, sondern die klimaresiliente Zukunft unserer Region“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender von EGLV. Gemeinsam sind Emschergenossenschaft und Lippeverband heute Deutschlands größter Betreiber von Kläranlagen (rund 60) und Pumpwerken (mehr als 500). Dem Lippeverband wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten zudem der hoheitliche Betrieb der städtischen Kanalnetze in Hamm (seit 2007), Nordkirchen (seit 2019) und Reken (seit 2025) übertragen. Verwaltung des Wasserschatzes Die Nordwanderung des Bergbaus ermöglichte Mitte der 1980er-Jahre den Beginn des Seseke-Programms zur Renaturierung des Lippe-Nebenlaufes. Nach dem Abklingen der Bergsenkungen konnten nun unterirdische Abwasserkanäle verlegt werden, durch die die Schmutzfracht fortan zu den Kläranlagen transportiert wurde. Das oberirdische, vom Abwasser befreite Gewässer konnte in der Folge ökologisch umgestaltet und entfesselt werden. Das tristgraue Betonkorsett wich einem naturnahen Bachverlauf, an dem heute nichts mehr an das mehrere Jahrzehnte währende Schicksal des Flusses als „Köttelbecke“ erinnert. Das Seseke-Modell machte Schule: Nicht nur nahm der Schwesterverband Emschergenossenschaft das Projekt als Vorbild für sein Generationenprojekt zur Renaturierung der Emscher, auch im Lippe-Gebiet errichtete der Lippeverband in seiner jüngeren Vergangenheit eine moderne und nachhaltige Abwasser-Infrastruktur. 2023 erreichte der Lippeverband die vollständige Abwasserfreiheit in seinem Einzugsgebiet, das blaugrüne Leben kehrt nun nach und nach an die Ufer der Lippe und ihrer Nebenläufe zurück. Programm Lebendige Lippe Ein weiteres Meilenstein-Projekt des Lippeverbandes war die Renaturierung der Lippe im Bereich Haus Vogelsang an der Stadtgrenze zwischen Datteln und Olfen. Ende 2015 erfolgte der erste Spatenstich zur naturnahen Umgestaltung des teilweise noch technisch „gefesselten“ Flusses, im Mai 2019 konnte der Abschluss der umfangreichen Fluss-Renaturierung gefeiert werden. Landkarten, die den Bereich Datteln-Ahsen und Olfen abbildeten, waren fortan nicht länger aktuell: Der Flussverlauf der Lippe wurde auf sechs Kilometern Länge naturnah umgestaltet und teilweise in neue Trassen verlegt. Zwischen Haus Rauschenburg und dem so genannten „Hälschen“, wo die Lippe bislang recht gerade verlief, verlängerte das Projektteam den Fluss und gestaltete eine neue Schleife – eine Laufverlängerung um 450 Meter, die es zuvor in diesem Ausmaß noch nicht an der Lippe gegeben hatte. In diesem Bereich wurde die Lippe flacher und breiter gestaltet, die Renaturierung schuf einen wichtigen Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Das größte Hochwasserschutz- und Renaturierungsprojekt des Lippeverband ist ohne Zweifel der aktuell noch laufende Neubau der Lippe-Deiche in Haltern-Lippramsdorf und Marl (HaLiMa). Das 95-Millionen-Euro-Vorhaben ist weit fortgeschritten: Die Deiche auf der Nordseite sind bereits fertiggestellt. Durch die Rückverlegung der Hochwasserschutzanlagen ins Hinterland hat die Lippe bereits deutlich an Raum gewonnen. Seit dem vergangenen Spätsommer erfolgt der Neubau eines 500 Meter langen Deiches auf der Südseite des Flusses. Das Großprojekt soll bis Ende 2027 fertiggestellt werden. „Dann werden moderne Deiche entstanden sein, die auch einem extremen Hochwasser standhalten können, wie es statistisch betrachtet nur alle 250 Jahre auftritt – und darüber hinaus eine rund 60 Hektar große Aue, die ideale Lebensbedingungen für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten bieten wird“, sagt Prof. Dr. Frank Obenaus. Liana Weismüller, beim Lippeverband Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit, ergänzt: „Ein Lippe-Balkon mit angebundenem Radweg wird künftig Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit geben, die neugeschaffene Natur zu entdecken und zu genießen.“ Auch an der Lippe-Mündung in den Rhein kehrte das blaugrüne Leben an den Fluss zurück: Zwischen 2009 und 2015 investierte der Lippeverband 18 Millionen Euro in die aufwändige Renaturierung des Lippe-Unterlaufes. Schmal und mit scharfkantigem Ufer wie ein Kanal und auf den letzten Metern schnurgerade floss die Lippe einst gen Rhein. Heute verläuft der Fluss breit und flach durch eine rund 100 Hektar große Aue, die Flora und Fauna einen wichtigen Lebensraum bietet. Kläranlagen als Qualitätsgarant und Wärmelieferant Die Kläranlage Soest, die 1932 als erste des Lippeverbandes in Betrieb genommen wurde, steht derweil im Mittelpunkt eines zukünftigen Wärmeprojektes: Im Zuge der Sanierung der Anlage soll das Klärwerk zu einem Kraftwerk entwickelt werden, indem künftig das konstant warme Abwasser zur Gewinnung von Wärme für das Quartier „Paradieser Weg“ genutzt wird. Das Aquathermie-Vorhaben, bei dem der Lippeverband eng mit der Stadt Soest, dem Kreis Soest und den Stadtwerken Soest kooperiert, kann als Modellprojekt auch für andere Regionen dienen. „Die Vorteile liegen auf der Hand: Der stetige Strom an Abwasser ist besonders aufgrund seiner konstant hohen Temperatur eine verlässliche Energiequelle. Abwasser wird es immer geben. Es ist eine lokale, sichere, regenerative und langfristig verfügbare Energiequelle und unkompliziert nutzbar“, sagt Prof. Dr. Uli Paetzel. Wasserwirtschaft als Träger und Treiber von Ideen |
| 06.07.2026 |