Reken 1900 bis 1945: Rekonstruktion von »schwierigen Zeiten«

Ulrich Hengemühle hat Geschichte studiert und als Lehrer gearbeitet. Mit dem Schreiben von Büchern beschäftigte er sich nicht - bis er vor zwei Jahren anlässlich eines Artikels in der BZ sehr verwundert darüber war, fast nichts zu „revolutionären Ereignissen“ in Reken während der Zeit von 1900 bis 1945 zu wissen. “Ärgern hilft nichts, also habe ich zunächst im Heimatarchiv Reken, später dann im Borkener Stadtarchiv sowie in Archiven in Münster, Duisburg, Berlin und Amsterdam nachgeforscht, um meine Wissenslücken zu schließen und die historischen Zusammenhänge zu verstehen“, erläutert der Rekener.

Im Haus Uphave stellen Bernd Hensel (Heimatvereins-Vorsitzender), Ulrich Hengemühle (Autor), Hermann-Josef Holthausen (Heimatarchiv-Leiter) und Bürgermeister Manuel Deitert (v.l.n.r.) das Buch „Reken 1900 bis 1945“ vor.

Mit Hilfe des Heidener Philologen Professor Dr. Ludger Kremer, der von dem exakt und nachvollziehbar recherchierten Manuskript Hengemühle‘s beeindruckt war, entstand so ein „geordnetes“ Buch mit dem Titel „Reken 1900 bis 1945 - Rekonstruktion von schwierigen Zeiten im Zusammenleben der Dorfbewohner nach bisher unveröffentlichten Quellen“. Zu kaufen ist das 108-seitige, mit alten Fotos und Karikaturen angereicherte Werk zum Preis von 15 Euro im Bürgerbüro des Rathauses sowie in der Bahnhof Rekener Bücherei zu den Öffnungszeiten. Herausgeber des Druckwerkes, das zunächst einmal in einer Auflage von 500 Exemplaren vorliegt,  ist der Heimatverein Reken. Unterstützt wurde das Projekt vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und positiv begleitet auch durch die Gemeinde Reken.

Das mit Quellenangaben zu allen Themenbereichen versehene Buch zeichnet vereinfacht nach, welche Grundüberzeugungen es um 1900 bei den Menschen in Reken gab, auf welchem soziokulturellen Hintergrund das geschah, welche Personen sie hauptsächlich verbreitet und an den Stellschrauben gedreht haben und wozu das alles auch in Reken beitrug: zu zwei Weltkriegen, zum Aufstieg der Nationalsozialisten und zum Holocaust! Am Beispiel der Familien Levinstein und Silberschmidt wird zudem die Vertreibung angesehener jüdischer Mitbürger aus Reken dargestellt. In die Gemeinde geholt und weit verbreitet worden sind die Ideen der Nazis schon vor 1933 insbesondere von Klein Reken und Hülsten aus, speziell vom Lehrer Aloys Sauer und von Franz Bösing, unter anderem SA Obersturmführer, Kreisbauernführer und später Amtsbürgermeister Heiden-Reken.

„Das Werk verdeutlicht, wie sich der Nationalsozialismus in Reken entwickeln und ausbreiten konnte. Da wir auch heute wieder beinahe täglich in den Medien mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus un rechtsgerichteter Gewalt konfrontiert sind, kommt das Buch genau jetzt zur absolut richtigen Zeit“, stellen Bürgermeister Manuel Deitert und der Heimatvereins-Vorsitzende Bernd Hensel in einem gemeinsamen Grußwort fest und betonen bei der Buchvorstellung, dass man aus der Geschichte der Nazi-Bewegung lernen und vor allen Dingen verhindern müsse, das sich Geschichte wiederhole.

Außerdem ginge es in den hundertprozentig wasserdichten und von allen Interessierten bis ins Detail nachvollziehbaren Recherchen nicht darum, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen und die Namen bekannter Rekener Personen oder deren Nachkommen zu diskreditieren. Dem fügt der Heimatarchiv-Leiter Hermann-Josef Holthausen, der ebenfalls sehr mit der Veröffentlichung einverstanden ist, hinzu: „In der Nachkriegszeit wurde in den allermeisten Familien nicht über die Vergangenheit gesprochen. Erst aus dem Buch habe ich viele Dinge erfahren, von denen ich vorher überhaupt nichts wußte.“ (hh)