09.11.2018

Aus Antipathie wächst Vertrauen, Liebe und Treue

140 Gäste, zumeist Frauen mittleren und fortgeschrittenen Alters, haben es sich im abgedunkelten RekenForum an hübsch dekorierten Tischen im Kerzenschein gemütlich gemacht, nehmen einen Imbiss zu sich, trinken ein Wasser, einen Kaffee oder ein Glas Wein. Alle warten gespannt auf den Beginn des von der Autorin Lida Winiewicz im Alter von 81 Jahren geschriebenen Stückes „Paradiso“, in dem es um „leben“, „einlassen“ und „loslassen“ geht und zu dem das Kulturbüro der Gemeinde, die Gleichstellungsbeauftragte und der Verein Leben im Alter gemeinsam eingeladen haben. Die friedliche Stimmung im Auditorium wird jäh unterbrochen, als die beiden Darstellerinnen Kristin Kunze (77, bekannt auch als Clownin Sophia Altklug) alias Martha und Heike Bänsch alias Vicky die Bühne betreten und auf einer Bank Platz nehmen.

Aus Antipathie (oben) wächst Vertrauen und Liebe (Mitte), später dann auch noch Treue (unten) - gekonnt in Szene gesetzt von den großartigen Schauspielerinnen Heike Bänsch (l.) und Kristin Kunze (r.).

Die ehemalige Schuldirektorin Martha, sehr introvertiert und abweisend wirkend, füttert wie an jedem Tag die Enten, als sich die deutlich jüngere Vicky einfach zu ihr setzt. Die beiden kommen ins Gespräch, greifen sich gegenseitig an, keifen, fauchen und mögen sich überhaupt nicht. Die Basis für eine friedliche Bekanntschaft der ganz offensichtlich einsamen Frauen ist hoffnungslos - Jung und Alt scheinen sich nur gegenseitig angreifen zu wollen. Über die folgende Monate und mehrere Jahreszeiten treffen sich Martha und Vicky immer wieder auf der Bank, und es passiert etwas völlig Unerwartetes: die so unterschiedlichen Frauen öffnen sich und schenken sich gegenseitiges Vertrauen.

Aus diesem Respektieren wächst in der Folge Zuneigung, wächst Liebe und Treue. Die Junge zieht bei der gebrechlichen Alten ein und umsorgt sie. Die Alte wiederum gibt ihr Lebenswissen und ihre Erfahrung an die Jüngere weiter, bis sie nach einem Schlaganfall am Ende krank und gebrechlich wird. Die geistig dennoch rüstige Seniorin realisiert ihren körperlichen Verfall, will ihre lieb gewonnene Gefährtin trotz allem aber auf keinen Fall verlieren. Und tatsächlich gelingt es Vicky, der zunehmend hilflosen Martha mit großer Empathie alle vorhandenen Verlustängste zu nehmen, auch dann, als das fortschreitende „Altwerden“ einen Umzug von Martha in das Pflegeheim „Paradiso“ unumgänglich macht.

Die Regisseurin Anja Wienpahl hat das empfindsame, und anrührende Stück behutsam, andererseits knallhart in Szene gesetzt. Dabei kommt ihr entgegen, dass sie mit der bekannten Pantomimin Kristin Kunze und der forschen Heike Bänsch in auf eine echte Traumbesetzung zurückgreifen kann, die über jeden Zweifel erhaben ist. Wie man unschwer am lang anhaltenden Schlussapplaus ablesen kann, sind sich die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer nach dem Fallen des Vorhangs einig: Das vielschichtige „Paradiso“ hat alle Anwesenden tief berührt und mitgenommen. Viele Ältere werden sich in irgendeiner Form wiedergefunden haben in der Gestalt der Martha und dem Wechsel der Jahreszeiten des Lebens, und ganz sicher haben einige Jüngere partielle Übereinstimmungen mit der Person der jungen Vicky entdeckt. Resümee: ein gelungener, unterhaltsamer und zu keiner Zeit oberflächlicher Abend! (hh)